Best practice

Vor dem Meister kommt die Übung
Handykurse von Schüler/innen für SeniorInnen
Kerstin Weber-Spethmann
Leiterin der Seniorenakademie in Lübeck und Kirchenkreisbeauftragte für Seniorenarbeit im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg

Man muss nicht über 65 sein, um sein Handy nicht zu verstehen. Dies kommt auch bei Menschen mittleren Alters häufig vor. Jedoch ist das Handy besonders auch für Seniorinnen und Senioren nützlich und hilfreich, so sie die Grundfunktionen beherrschen.

Wenn man als Senior/in mit den Tücken des Objektes konfrontiert ist, scheint es zuerst zwei Lösungen zu geben. Man besucht den Servicepoint eines Telekommunikationsanbieters, um sich sein Handy von den vorwiegend sehr jungen, sehr modisch gekleideten Angestellten in sehr schnellen unverständlichen Worten erklären zu lassen. Das Verstehen ist in der Regel umgekehrt proportional zu der Fingernagellänge der gelangweilt kaugummikauenden Dienstleisterin. Man erkennt: Das hilft mir nicht wirklich weiter.
Der zweite durchaus hilfreiche Weg kann der Kontakt zu den eigenen Enkeln sein, so sie vorhanden sind. Diese drücken mit unerwarteter Geschwindigkeit scheinbar alle Knöpfe gleichzeitig und kommen doch zum Ziel. Aber die Vermittlung dieser Fähigkeiten von Seiten der Enkelschar geschieht auch da in einem viel zu schnellen Tempo!
Ganz auf das Handy zu verzichten, kann in Zeiten der verschwindenden Telefonzellen aber auch keine Lösung sein. Denn im Falle eines Falles bin ich mit dem kleinen Ding doch überall erreichbar und irgendwie ist es doch auch chic, mit einem dieser futuristischen Klingeltöne als moderne/r und offene/r Senior/in geoutet zu werden.

Aber vor dem Meister kommt die Übung und da hatte die Seniorenbegegnungsstätte Wilhelmine Possehl in Lübeck eine Idee. Wir verknüpfen die Fachleute mit den Laien, Kids mit Alten, Hauptschüler mit SeniorInnen. Als Fachleute konnten wir die Hauptschüler und - schülerinnen der benachbarten Schule gewinnen. Für sie entstand die Situation, Lehrende sein zu können mit allen Schwierigkeiten, die ihre älteren Schülerinnen und Schüler entwickelten. Und das ist eine Umkehrung ihrer eigenen Schulerfahrung. Sie erlebten sich als kompetent, ihre Erfahrung war gefragt, andere wollten von ihnen lernen. Die Seniorinnen und Senioren wiederum mussten in der Rolle der Lernenden Geduld mit sich aufbringen, Neues zulassen, sich von Jugendlichen etwas sagen lassen und oft ihr Bild vom ‚kompetenten’ Erwachsenen und dem ‚faulen Jugendlichen’ aufgeben. Die Klischees auf beiden Seiten wurden aufgebrochen. Dieses neue Miteinander war das sekundäre jedoch nicht weniger wichtige Lernziel dieses Generationen verbindenden Projektes. Primäres Lernziel war nach Besuch des Kurses die Beherrschung der Grundtechniken ihres Handys: Anrufe annehmen und tätigen, Nummern abspeichern und suchen, die Mailbox benutzen, sms schreiben und den Notruf betätigen.

Ein Kurs umfasst den Zeitraum von dreimal einer Stunde. Dieser Zeitrahmen hat sich bewährt: er ist lang genug um miteinander warm zu werden, Lernschritte zu machen und Erlerntes abzufragen. Er ist kurz genug um nicht vor der geballten Information und den Möglichkeiten der Technik kapitulieren zu müssen. Wird die Lernstunde von einigen Lerngruppen vor Ablauf beendet, weil die Informationsfülle zu viel für die Senioren und Seniorinnen ist, dann erteilen die Jugendlichen Hausaufgaben wie z.B. sms schreiben, alle Verwandten in den Telefonspeicher eintragen etc.
Die Lerngruppen sind im Verhältnis eins zu eins aufgebaut und bestehen in der Regel aus max. 10 Senior/innen und 10 Schüler und Schülerinnen. Es gibt keinen Frontalunterricht. Erstens ist der Wissensstand bei den Senioren und Seniorinnen sehr unterschiedlich und zweitens sind viele verschiedene Handymarken auf dem Markt. Die Jugendlichen müssen sich während der Kurse auf die neuesten Modelle sowie auf uralte Handys einstellen. Dadurch entsteht eine ganz individuelle Lernsituation zwischen dem Seniorenschüler und dem Schülerlehrer. Diese Form benötigt einen koordinierenden, leitenden Ansprechpartner, der in Konflikten moderiert und eventuell neue Lerngruppen bildet. Diese Leitung wird besonders beim ersten Kennenlernen der Teilnehmenden sehr deutlich die Einteilung der Lerngruppen vornehmen müssen. Hier ist der Moment größter Ambivalenz, hier können, im wahrsten Sinne des Wortes, Welten aufeinander prallen. Es empfiehlt sich die Gruppeneinteilung nach den Fähigkeiten der Jugendlichen für eine Handymarke vorzunehmen. Auch sollte man nicht unterschätzen, wie viel Lärm 10 Handys in einem Raum produzieren können. Konzentrieren Sie sich mal auf das Abspeichern einer Nummer, wenn am Nachbartisch das ganze Sortiment verfügbarer Klingeltöne in höchster Lautstärke abgespielt wird. Deshalb ist es ratsam, möglichst große Räume für dieses Projekt zur Verfügung zu stellen, damit genügend Schonraum zwischen den Lerngruppen vorhanden ist.

Zur Durchführung dieses Kurskonzeptes sind keinerlei weitere Medien notwendig - bis auf die Handys, die jede/r Senior/in mitbringt. Selbst angebotener Kaffee wird nur sparsam verköstigt, da alle sich intensiv auf den Unterricht konzentrieren. Typisch für diesen generationsübergreifenden Dialog sind Situationen, die so nicht konzeptionell vorgedacht werden können, sondern ihre Sinnhaftigkeit im Prozess entwickeln. So erschien zu Beginn eines Kurses eine Seniorin gänzlich ohne Handy. Sie war an der Beratung in verschiedenen Handyläden verzweifelt . Wer kennt sich schon aus mit Provider, Simcart, Netzteil, Vertrag , Passwort etc. So marschierte die Dame mit dem ihr zugeteilten Jugendlichen während der Unterrichtsstunde in die Innenstadt von Lübeck. Sie nahm ihren Fachmann mit. Beim nächsten Treffen stellte sie uns stolz das Handy vor, für das sie sich mit ihrem Lehrer entschlossen hatte.

Wir erheben für den Handykurs einen Obolus von 10 Euro. Davon behält die Begegnungsstätte für Verwaltungsaufwand 2 Euro. Das restliche Geld fließt in die Klassenkasse der Jugendlichen. Oft erhalten die Jugendlichen noch Trinkgeld in Form von Süßigkeiten. Die Senioren und Seniorinnen sind in der Regel so begeistert, dass sie dieser Freude und Dankbarkeit über die 10 Euro hinaus Ausdruck geben wollen. Wir weisen jedoch anfänglich darauf hin, weitere Geldspenden der Klassenkasse zu Gute kommen zu lassen.

Seit vielen Jahren führen wir die Handykurse erfolgreich durch. Viele Senioren und Seniorinnen buchen nach einiger Zeit einen Folgekurs, um ihr Wissen aufzufrischen oder mehr Features ihrer Handys kennen zu lernen. Auf Seiten der Schule ist dieses Angebot ein fester Bestandteil im Lehrplan der Abschlussklassen und stößt nach wie vor auf viel Interesse bei den Jugendlichen, die gerne kommen, um „die Alten mal richtig voll zu texten. „Is voll krass eh!”

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